Furioses Fest für die Augen

Allegro Brillante / Three Loves / Distanz (UA) / The New 45

von Anja Seemann

DisTanz_Ensemble_©Charles Tandy_
DisTanz | Foto: Charles Tandy

Bayerisches Staatsballett II / Junior Company,
München | Wenn ich an Ballett denke, dann fällt mir als erstes der Kommentar meines Bruders ein: „Ein Haufen sich verrenkender Menschen, die in hautengen Bodies durch die Gegend hüpfen und man sieht ALLES!“ Dass die 16 Nachwuchstalente der Junior Company für den ersten Ballettbesuch meines Lebens bei weitem mehr als bloße Verrenkungen parat haben, wird mir bereits im Verlauf des Eingangsstücks „Allegro Brillante“ bewusst. Zum Klavierkonzert Nr. 3 von Peter I. Tschaikowski erzählen die Tänzer keine Geschichte, sondern das Ballett macht – ganz im Sinne von George Balanchine – die Struktur der Musik für den Zuschauer sichtbar. Die Bewegungen des Solistenpaars und der vier weiblichen und vier männlichen Corps-de-Ballett-Tänzer verschmelzen mit der Komposition zu einem Ganzen. Das zweite Werk aus dem Repertoire der Nachwuchstänzer trägt den Titel „Three Loves“. In einer Choreographie von Maria Barrios durchleben drei Liebespaare verschiedene Stationen des Liebesglücks. Als der eingespielte Sound von Wellenrauschen verklingt, setzt Musik von Sergei Rachmaninov ein und von den drei Tanzpaaren bleibt eines auf der Bühne zurück. Es tanzt zwei Liebende, die um den Erhalt ihrer Liebe kämpfen, welche droht zu vergehen. Sie werden abgelöst von einem Paar, das von einer frischen, noch zarten Liebe getragen wird und sich an das Zweisamsein heran tastet. Den Schluss bildet ein grandioses Duett, das vor einem rot leuchtenden Hintergrund eine Intensität und eine Leidenschaft zum Ausdruck bringt, die eine so betörende Wirkung hat – am liebsten hätte man ihnen ewig zugesehen.

Nach der Pause wird die Uraufführung „DisTanz“ von Dustin Klein gezeigt. Ein Beat, zunächst metallisch kalt, beinahe steril wie das Unisex-Kostüm der Tänzer, lässt die Bühne erbeben. Je prominenter der Rhythmus wird, desto schneller, kraftvoller und weniger roboterhaft werden die Bewegungen. Es schaukelt sich zu einer Technoekstase hoch, bei der weder der Tanz noch die Musik Gefahr laufen, sich im rauschhaften Sog einer endlosen Beat- Aneinanderreihung zu verlieren. Spätesten bei Richard Siegals „The New 45“, ein auf jazzigen Rhythmen basierendes Tanzstück, das den Abschluss bildet, fällt es schwer, sich noch auf dem Sitz zu halten. Es ist charmant, witzig, strahlt pure Lebensfreude aus und macht vor allem eines: Spaß.

Am Ende haben sich 100 Minuten eher wie 30 angefühlt. Ich war überrascht, geradezu enttäuscht, dass das Ballett schon vorbei war – und damit war ich nicht allein: Tosender Beifall, Fußgetrampel und das eine oder andere „Bravo!“ hallen im Velodrom wider. Das Ensemble der Junior Company hat von der Klassik bis zur Moderne das beeindruckende Spektrum ihres Könnens präsentiert, von dem sich sowohl Einsteiger als auch alte Ballett-Hasen in gleicher Weise begeistern lassen.

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